Ina Geißler


2 IN 1 - ZWEISAM – Ina Geißler und Uschi Niehaus
im Tempelhof Museum

Eröffnungsrede am 23.1.2020 von Dr. Sabine Ziegenrücker

Sehr geehrte Frau Stadträtin Kaddatz, sehr geehrte Frau Kohn,
liebe Uschi Niehaus, liebe Ina Geißler,
liebe Besucherinnen und Besucher,

ein wenig werden Sie sich schon umgeschaut haben, einen Blick geworfen und dabei Worte im Raum gesehen, an den Wänden erblickt, sie gehört haben... -, Worte die klingen, schwirren oder besetzen, Worte, die verhallen, drängen oder verletzen - klärend oder verrätselnd, blumig geschwätzig oder nüchtern komprimiert - Worte von ganz unterschiedlicher Pracht und Farbigkeit, laut oder leise dringen an uns heran - Worte geschrieben, gelesen, gesprochen... Von mir im Folgenden zu den vier Punkten:
1. Zweisam – Einsam
2. Eins von zwei – „EINANDER“ von Ina Geissler
3. Zwei von zwei – Uschi Niehaus lautlose Worte
4. Gemeinsam im Zwiegespräch - Ein vorläufiges Resümee
1. Zweisam – Einsam

Von Ina Geißler und Uschi Niehaus sind wir heute zu einem Zwiegespräch geladen: 2 in 1_Zweisam lautet der Ausstellungstitel.
2 in 1 - in seiner Sperrigkeit verrät dies schon einiges von dem, womit sich Niehaus und Geißler beschäftigen. Die Einladung mit der formelhaften Abkürzung „2i“ und „n1“ gibt einen Hinweis, wenn man dies nicht wie ich zunächst für etwas geheimnisvoll Naturwissenschaftliches hält, sondern zum Halbsatz zusammenzieht - 2 Künstlerinnen in 1 Raum - das Format des Kammerspiels also, vom Frauenmuseum Berlin jährlich inszeniert. Und so können wir aufgrund dieser grafischen Schwerpunktsetzung erahnen, dass es um Beziehung, Kommunikation und deren künstlerische Umsetzung gehen wird. Unterstrichen wird diese Kohabitation noch durch den Zusatz „Zweisam“. Zweisam, meint, so der Blick in einschlägige Nachschlagewerke, ein harmonisches, oft romantisches Zusammensein, wörtlich: ohne störende andere Personen. Der Weg zur Partnerbörse für Menschen 50+ ist da übrigens schnell gewiesen.

„Zweisam“ – „einsam“ ergänzt man gedanklich unwillkürlich.

Der Gegensatz, der hier eingebaut ist und sogleich anklingt, zweisam – einsam, die Auseinandersetzung mit ihm, sein Erkennen ist wesentliche Voraussetzung für das Zustandekommen dieser Ausstellung. Das Alleinsein, die Einsamkeit als Notwendigkeit für künstlerisches Arbeiten wird als Ausgangspunkt markiert, um von dort dieses „Zweisam“ zu wagen. Im permanenten Austausch während der Entstehung der Ausstellung findet ein Nachdenken über die Bedingungen und Formen dieses Zwiegesprächs statt.

Hannah Arendt hat in ihrer Vorlesung „Über einige Fragen der Ethik“, erschienen unter dem Titel „Über das Böse“1, über Einsamkeit nachgedacht. Einsamkeit ist für sie die Voraussetzung für das Denken überhaupt, mithin für Kreativität, womit – angesichts der Arendtschen Frage nach dem Bösen – auch eine wesentlich moralische Kategorie verbunden ist.

Hannah Arendt „Mit mir selbst zu sein und selbst zu urteilen wird in den Prozessen des Denkens artikuliert und aktualisiert, und jeder Denkprozess ist eine Tätigkeit, bei der ich mit mir selbst über das spreche, was immer mich gerade angeht. Die Existenzweise nun, die in diesem stummen Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst gegenwärtig ist, will ich Einsamkeit nennen.“(2)

Und weiter: „Einsamkeit bedeutet, dass ich, obwohl allein, mit jemandem (das heißt, mit mir selbst) zusammen bin. Sie bedeutet, dass ich Zwei -in-Einem bin.“ (3)

Mit diesen Gedanken zur Einsamkeit im Gepäck wird deutlich, dass es Geißler und Niehaus nicht um eine zufällige Gemeinsamkeit gehen kann, sondern es ein Wagnis von besonderem Gewicht darstellt, die Zweisamkeit in den Blick zu nehmen und das Zwiegespräch im Wortsinn zu verstehen, nicht allein als Metapher für eine Gegenüberstellung von Werken in einer Ausstellung.

Um den wesentlichen Gehalt von Einsamkeit und damit von Denken noch gedanklich weiterzutreiben, führt Arendt zur Möglichkeit des Bösen ferner aus: „Denken und Erinnern, sagten wir, sind die menschliche Art und Weise, Wurzeln zu schlagen, den eigenen Platz in der Welt, in der wir alle als Fremde ankommen, einzunehmen. [...] Wenn sie [die Person] ein denkendes Wesen ist, das in seinen Gedanken und Erinnerungen wurzelt und also weiß, dass sie mit sich selbst zu leben hat, wird es Grenzen geben zu dem, was sie sich selbst zu tun erlauben kann, und diese Grenzen werden ihr nicht von außen aufgezwungen, sondern selbst gezogen sein. [...] doch das grenzenlose, extreme Böse ist nur dort möglich, wo diese selbst-geschlagenen und gewachsenen Wurzeln, die automatisch Möglichkeiten einschränken, ganz und gar fehlen. Sie fehlen dort, wo Menschen nur über die Oberfläche von Ereignissen dahingleiten, wo sie sich gestatten, davongetragen zu werden, ohne je in eine Tiefe, derer sie fähig sein mögen, einzudringen.“(4)

Soweit Hannah Arendt, die im Nachdenken über die Shoah die Fähigkeit zur Einsamkeit in einen existentiellen Kontext einbettet, der weit über die historischen Bezüge hinaus brisant ist. Sich dieser Notwendigkeit zur Einsamkeit bewusst, wagen Geißler und Niehaus den Schritt hin zur Zweisamkeit. Es ist ein Tête-a-tête mithin, dessen Intimität wir als Dritte, Außenstehende, an einem vorläufigen Ende nun beiwohnen dürfen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es ein Format des Frauenmuseums ist, das für diesen sicherlich anstrengenden Kommunikationsprozess den Anlass gab. Worte sind es mithin, die in den Kunstwerken im Mittelpunkt stehen. Damit komme ich zum 2. Punkt




2. Eins von zwei: „EINANDER“ von Ina Geissler

„EINANDER“ stand am Anfang der Ausstellungsidee.

Ina Geissler macht sich mit der Installation von EINANDER“, einer Arbeit, die in variierter Form zunächst für den Außenraum, eine Gasse in der historischen Altstadt Torgaus, konzipiert war, an die Aufteilung des Raums im Zick-Zack-Kurs. Ein Kräftefeld wird aufgespannt, das, so die Idee, den Raum in kleine Kammern unterteilt, um den feinen poetischen Arbeiten von Uschi Niehaus den rechten Raum quasi als Privatissimum zu bereiten.

Mit einiger Intensität durchmisst Geißler den Raum als starkfarbiges Statement für „EINANDER“. Ob dieses Wollen auch einlösbar ist? Form und Inhalt verhalten sich auf den ersten Blick in einem Spannungsverhältnis, scheint doch eher durch die räumliche Enge ein gewisser Rückzug auf das Eigene, das Sich-Behaupten angesichts des Platzmangels das Gebot der Situation zu sein und weniger der Gedanke an ein ZUEINANDER.

Doch ist für Geißler das „EINANDER“ ohnehin nur Kern und Ausgangspunkt für unterschiedliche Bedeutungen wie ein Blick auf die grafische Anlage der Buchstaben verrät. Nicht nur an das MIT-EINANDER, sondern auch das DURCH-EINANDER, das AUS-EINANDER, das AN-EINANDER-VORBEI – all diese verschiedenen Kombinationen des EINANDER sind in ihrer Vieldeutigkeit bei der Installation von „EINANDER“ mitgedacht.

Sprache als Mittel der Gestaltung, der Kommunikation wird hier leuchtend vor Augen geführt – Worte mit Apellcharakter verstellen den Weg, lassen hier und da einen Durchschlupf, gewähren Durchblick, weichen zur Seite, wenn wir uns den Weg bahnen.

Die raumgreifende Installation „EINANDER“ nimmt augenblicklich gefangen und lässt zugleich zurückweichen im Nachdenken über das Geschriebene. Es ist dieses Nach-Außen- Drängen, das eine Stärke und Dringlichkeit besitzt. Fast rührt die Emphase, mit der hier die Einsamkeit zugunsten der Zweisamkeit durchbrochen werden soll.

Auch die zweite Arbeit von Ina Geissler „Flourish your threshoulds“ - was bedeuten könnte: „Gehe über deine Grenzen, entwickele dich!“ – hat einen ähnlich starken Aufforderungscharakter. Die Anweisungen im Imperativ, die in Geißlers Cut-outs geschnitten, gestaltet, formuliert sind, sind oft nicht mehr als ein kurzer Satz. Geißler dazu: „Ich verwende eigene Aussagen, die sich auf meinen eigenen Bildschaffungsprozess beziehen, aber auch Sprichwörter und Aphorismen, die sich auf den Themenkreis Wahrnehmung und Täuschung, Verhüllung und Sichtbarkeit beziehen.“(5)

Von der gemalten Architektur in früheren Arbeiten herkommend und entsprechend räumlich denkend, sind die Wort-Bilder entstanden. Die Vielzahl von Schichtungen ist in allen Arbeiten von Ina Geißler wichtiger Bestandteil. Und so hat sie die Worte auch hier nicht einfach ausgeschnitten, sondern gespiegelt, gedoppelt, an unterschiedlichen Achsen ausgerichtet. Sie sind an der Schwelle des Unleserlichen, so dass man vor ihnen verharrt, rätselt, grübelt – auch über die Bedeutung der proklamierten Worte: „Flourish your threshoulds...“.

Der Schnitt im Raum, der Schnitt in den Buchstaben, die eine Durchlässigkeit besitzen und sich so in ihrem selbstbewussten Auftritt wieder zurücknehmen, um Raum zu lassen, ist auch hier wie bei „EINANDER“ wichtiges Gestaltungsmoment. Und was sind nun die Worte von Uschi Niehaus, die sie in diesem Zwiegespräch findet?

3. Zwei von zwei – Uschi Niehaus lautlose Worte

Uschi Niehaus scheint auf den ersten Blick Antipode von Ina Geisslers stürmendem „EINANDER“ zu sein. Ihre Arbeiten in den von der Installation gewiesenen Kammern sind zurückhaltend. Man muss sich ihnen bewusst nähern, sie kommen nicht gesprungen. Eine Ruhe geht von ihnen aus, die innehalten lässt, die Sammlung, ja Schweigen verlangt, wenn man sich ihnen zuwendet und sie verstehen will. Niehaus Arbeiten atmen eine Art stiller Poesie. Man muss genau hinschauen, alle Sinne offenhalten, um den Zauber der einsinnigen, sensiblen Malerei wahrzunehmen.

„Zwiesprache“ heißen Ihre monochrom blauen Arbeiten, in denen sie Schicht um Schicht ultramarinfarbiges Pigment übereinanderlegt, es in den Malgrund hineinarbeitet, reibt, wischt und von neuem eine Schicht aufbringt. Eine physische Kraft im Umgang mit dem Material liegt hier bei aller Zartheit offen; der Es ist gut vorstellbar, wie die Künstlerin hier mit dem Material, in Faszination für das Leuchten und das Geerdete des geriebenen Steins Zwiesprache hält. Wir sind in diesem intimen Prozess nur als stille Zeugen zugelassen. Der Körpereinsatz im Malprozess mit großen weichen Schwüngen und kleinen zackigen Linien lässt an performative Prozesse denken.

„Schubert“ heißt eine andere Serie, die monochrom weiß, in rhythmischer Folge hier gehängt ist. Pigmente und andere Malmittel werden zu einer luziden Bildfläche, die von innen zu leuchten vermag. Messerzeichnungen sind dies. Spiralen laufen geschwungen wie aus dem Lehrbuch der ersten Schreibversuche oder als Fortschreiben einer bewegten Linie in die Unendlichkeit, über Bildgrenzen hinweg, sich den Weg in eine unbestimmte Ferne suchend. Ritzungen in die Oberfläche verletzten den Malgrund, werfen rechts und links gleich Narben scharfe Grate auf.

Schweigen und lautlose Worte, auch solche, die verletzen, sind Gedanken von Niehaus im Zwiegespräch. Ihre eine starke Präsenz verbunden mit Zurückhaltung und einem In-Sich-Ruhen. Schnitte durchziehen als Linien das Papier – fein und zart doch unwiederbringlich. Die Trennung ist für immer vollzogen, doch scheint durch sie etwas Neues im Entstehen, ein Hinweis auf etwas, das sonst vielleicht unbeachtet bliebe; eine Trennung, die Spannung erzeugt und so erst die fein nuancierten Arbeiten ins Blickfeld rückt. In der Zartheit liegt eine Wucht, eine Anspannung, die staunen lässt.

Wann wird Schrift zum Bild und wann Bild zur Schrift? Niehaus Arbeiten, ihre Zeichnungen, Collagen, ihre Malerei, spielen mit diesem Übergang. Es formen sich keine Worte und doch ist man versucht aus diesen kraftvollen Ritzungen einen Laut zu formen, ihnen eine Stimme zu geben. Doch würde das dem Klang der Bilder ungebührlich zusetzen. Worte der Stille sollen es bleiben. Immer wieder geht es um den Zauber, die Arbeiten besitzen Macht aber auch die Ohnmacht des gesprochenen ortes, des geraunten, des gesungenen oder des gedachten, verschwiegenen Wortes. Worte sind gleichsam Bilder und haben einen eigenen Klangraum.

„Schubert“, der Titel, weist einen weiteren Weg, über die Musik diesen lautlosen Bildern einen Klang zu entlocken. Tatsächlich kann man die Gemälde als eine indirekte Notation verstehen, in der das Gehörte auf der Leinwand seinen Niederschlag findet, der musikalische Ton seinen Konterpart in der Farbe sucht.

4. Gemeinsam im Zwiegespräch - Ein vorläufiges Resümee

2 in 1_Zweisam – dem ging viel gedankliche Arbeit von Ina Geissler und Uschi Niehaus voraus. Vom Alleinsein hin zur Idee Zweisamkeit temporär zu etablieren, sie zu begleiten, zu reflektieren, Worte und Werke der Anknüpfung und des Austauschs zu finden. Ausgangspunkt war „EINANDER“, die raumbeherrschende Installation. Ein Modell wurde gebaut, Kammern definiert, um den poetischen, stillen Arbeiten von Uschi Niehaus ihre Ruhe zu geben. Bei aller professionellen Vorbereitung und Erfahrung hatte 2 in1_Zweisam in der räumlichen Umsetzung Schwierigkeiten zu bewältigen, die Geißler und Niehaus dann wiederum in Worte gefasst haben. Gerne zitiere ich daraus eine Passage, denn ich denke, sie sind in gewisser Weise Teil der Ausstellungsidee: „Die ursprüngliche Erwartung, dass sich durch die Unterteilung durch die Installation Schutzräume ergeben, hat sich als gegenteilig herausgestellt. [...] Die Ausstellung thematisiert das Zwiegespräch. Während der Hängung sind Fragen aufgekommen, wie wir ein Gleichgewicht aus beiden Positionen schaffen können, wenn eine relativ dominante Arbeit den Raum vorab besetzt. [...] Es ging darum, Raum zu besetzen und dabei der anderen auch ihren nötigen Raum zuzugestehen [...]. Es ging darum, dass jede Position für sich ihre Wirkung entfaltet, Gegensätze und Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen, das jeweils andere sichtbar zu machen und im besten Fall auch die Arbeit der anderen positiv zu beeinflussen.“ Schauen wir, die wir hier zum Zwiegespräch geladen sind, selbst.6 In jedem Fall scheint mir der Umgang mit Worten – so vielfältig in Ebenen, Bedeutung und Ausdruck sie sind – in seiner Offenheit ein sehr spannender zu sein und ich freue mich, diesen Prozess auch in seiner Widersprüchlichkeit, ja als Dekonstruktion der Idee von Ausstellung, hier aufgefächert zu sehen – und dies gerade auch vor dem Hintergrund der ethischen Bedeutung von Einsamkeit wie sie Hannah Arendt formuliert hat. [Dr. Sabine Ziegenrücker, 23.1.2020] Ina Geissler, Uschi Niehaus, 2 in1_Zweisam_Text nach dem Aufbau, unveröffentlichtes Dokument, 22.1.2020.


1 Hannah Arendt, Über das Böse, Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, Aufl. 12, München (Piper) 2017. 2 Ebenda. S. 81 3 Ebenda, S. 82. 4 Ebenda, S. 85-86. 5 Ina Geissler, Fokus meiner künstlerischen Arbeit, http://www.inageissler.de/geissler.html [5.2.2020]