Ina Geißler


GEHEIMNISVOLLE GEOMETRIE

Melanie Franke Text zur Broschüre "entfernsehen" erschienen zur Ausstellung "Goldrausch2004"

“Dekonstruktion bedeutet nicht Inhaltsverzicht, sondern bedeutet semantische Anspielung mit Hilfe eines abstrakten Vokabulars. Die Fiktionalität ist in die Abstraktion aufgenommen, nicht aber durch diese ausgetrieben worden.” Heinrich Klotz

In den geometrischen Kompositionen von Ina Geißler spielen Räume ineinander, splittern durcheinander und konzentrieren sich zu einem Davor und einem Darin. Das Davor ist von strengen, wie mit dem Lineal gezogenen, geometrischen Formen bestimmt. Gemalt in besänftigendem Grün, hölzernem Braun, bleiernem Grau und distanzierendem Blau. Hinter den geometrisch gebändigten Balken und Flächen ergibt sich gleichsam eine zweite Ebene, bestehend aus vielen Schichten diffuser und absichtsvoll verwischter Flecken, schwankender Linien und labyrinthischer Strukturen.

In anderen Bildern erkennt man sofort, dass es Fassaden von Gebäuden sind, denen man gegenüber steht. Balkone und Fenster - die Augen der Häuser - blicken einen aus gleichförmigen Fassaden an. Die Häuser gehören zu einer Architektur, die man lieber nicht sehen möchte. Gestapeltes Dasein in rechteckigen Kisten und Kästen einförmig multiplizierter Einheiten, die wenig mit den unverschnörkelten, klaren und reinen Formen der Moderne gemeinsam haben. Das sich im Innern Befindende bleibt verborgen, denn Stoffe, Gardinen und Markisen, Zeichen einer sich verhüllenden Individualität, verhängen die Transparenz und verweigern den voyeuristischen Blick. Als Festung charakterisiert Ina Geißler diese Art von Schutzzone des Privaten. Die in Westberlin aufgewachsene Künstlerin war umgeben von gemauerten Bollwerken bürgerlicher Spießigkeit - nichts dringt nach außen und nichts von außen hinein. Dieses unmittelbare Umfeld war Auslöser, eine eigene und âimaginäre ArchitekturÕ zu schaffen. “Das Umkippen von Gewohnheit zum Tagtraum bewirkt, dass ich meine Umwelt neu wahrnehmen kann.”

Zentrales Bauprinzip der Häuser ist die Montage. Das Zusammensetzen von präfabrizierten Formelementen, auch Baukastenverfahren genannt. Ina Geissler greift diese Methode der Architektur auf und zerlegt -remontiert - die zusammengefügten Formen; solchermaßen überführt sie die charakterlose Geometrie in eine andere Dimension. Ihr Zaubermittel ist die Malerei, denn durch den Duktus der Hand wird die Starre und Statik der Formen aufgelockert und dekonstruiert. Auf diese Weise kommt, mit dem Architekturhistoriker Heinrich Klotz gesprochen, ein irrationales und poetisches Element in die Architektur hinein. „Die Geometrie wird zu etwas anderem – wird Zeichen ahnbarer und doch verschlossener Sinngehalte.“ Es ist ein imaginäres Spiel mit einer Architektur, die alle spielerischen Züge verloren hat. “Fragmente von Eindrücken, Unbekanntes auf der Straße, treten mir in ihrer Fremdartigkeit entgegen. Geschlossene Fenster, die jeweiligen Vorhänge, Spiegelglasfenster verhüllen Privatheit, sind meine Projektionsflächen.“

Im Schaffensprozess wird der Raum zunächst zum Foto, das wiederum digital bearbeitet und optisch verzerrt wird. Das Ganze zu malen heißt erneut komponieren und zwar mit inspiratorischer Direktheit. Das Verpuzzeln der vertikalen und horizontalen Vektoren kann nicht rational komponiert, sondern muss gefühlt werden. Die Flächen und Farben kommen durch spontane Entscheidungen zusammen. Reflexion und Intuition spielen im Schaffensprozess ineinander. Denn die vordere Ebene ist genau vermessen - die geometrische Form als Inbegriff kontrollierter Gestaltung, sie legt sich im Prozess des Malens über die zuerst absichtsvoll diffus und spontan gemalten, unteren Flächen und bändigt den malerischen Selbstausdruck. Auf diese Weise entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem ungeordneten Innern und dem kontrollierten Außen. So zersplittert die straffe Fassade und gibt den Blick auf eine labyrinthisches und intimes Inneres frei.

Nicht das Denken polarer Gegensätze von diffuser, ungeordneter Materie einerseits und geometrischer, klarer Form andererseits strebt Ina Geißler an, sondern eine Durchdringung beider Extreme. Das vertraute Nahe und fremde Distanzierte ist in ihren Bildern gleichermaßen präsent. Die Ebenen stoßen einander ab, ziehen einander an, verschmelzen oder lassen imaginativ einen großen Abstand in ihrem Verhältnis zueinander entstehen. “Restflächen, Zwischenräume, gedankliche Leerstellen treten dabei hervor. Um dies zu erreichen, nutze ich verschiedene Möglichkeiten, das Bekannte, von seiner gewohnten Präsenz entfernt zu sehen.”

Auch ihre Titel spiegeln diese Ambivalenz. In der Wortschöpfung “Entfernsehen” spielen Entfernen, “In-die-Ferne-Sehen” und den Blick Ansaugen beim Fernsehen ineinander, bilden ein Wort. Es ist ein visuelles Vergnügen, das der französische Bildwissenschaftler George Didi-Huberman folgendermaßen beschreibt. “Vielleicht tun wir, wenn wir etwas sehen und plötzlich davon berührt, betroffen sind, nichts anderes, als dass wir uns einer wesentlichen Dimension des Blicks öffnen, bei der das Sehen zu jenem asymptotischen Spiel zwischen Nähe (bis hin zur wirklichen oder vorgestellten Berührung) und Ferne (bis hin zum wirklichen oder vorgestelltem Verschwinden oder Verlust) wird.”

In der gemalten Architektur von Ina Geißler treffen Nähe und Distanz, Davor und Darin zusammen. Das Darin bleibt mehrdeutig, verborgen und erhält den Reiz des Geheimnisvollen. Man wird hineingezogen in ein Spiel vorgestellter Bilder, Affekte und Assoziationen. Was ist dahinter und schaut es mich an?